Offener Brief an Emma

Liebes Emma-Team, Liebe Frau Lenzen-Schulte,

ich habe ihren Bericht in der Emma gelesen und ich habe mich fast übergeben.

Geburt hat keine Norm!

Leider muss ich Ihnen an der Stelle sagen, dass es vermutlich bald Realität werden wird, dass Frauen gezwungen sein werden, Geburten ohne Hebammen und ohne Geburtshelfer durchzuführen. Weil Geburt zu einem einheitlich standardisierten Prozess gezüchtet wird, den kaum eine Frau leisten kann. Und was noch viel schlimmer ist: weil Hebammen verschwinden.

Sie zitieren hier den Bericht des Bundes Deutscher Hebammen von 2011. Sie nennen Zahlen, die darauf zurück zu führen sind, dass GynäkologInnen wie sie, schon mit dem Skalpell hinter der Tür jedes Kreisssaals lauern. Wie die Rettungsteams in der Geburts-Soap.

Wie sie sicher gehört haben, werden Hebammen, die eigentlich für die Geburtshilfe ausgebildeten Person, keine Versicherung mehr haben werden.

Mit Fakten rumwerfen kann jeder!

Vielleicht ist Ihnen auch entgangen, dass letztes Jahr neue Leitlinien zur Geburt in den USA erarbeitet wurden und man sich hierzulande bemüht diese zu implementieren. Im Sinne einer natürlichen Geburt.

Wo bleibt hier der Feminismus?

Ich finde es sehr dreist und unverschämt, wie Sie in Ihrem Artikel all das nicht schreiben und Frauen verunglimpfen, die sich entscheiden, spontan ihr Kind zur Welt zu bringen oder gar alleine zu entbinden. Hat das was mit Feminismus und Reflektion zu tun?

Ich prangere es an, dass eine feministische Zeitschrift wie Emma einen so unreflektierten Artikel bringt. Einen Artikel, der Frauen und ihre Rechte schwächt, statt sie zu stärken in ihrem Recht, eine freie Wahl über die Form der Geburt zu wählen! Einen Artikel, der Frauen gegeneinander ausspielt!

Schon mal was von Hygiene gehört, Frau Lenzen-Schulte?

Sie, Frau Lenzen-Schulte, schreiben vom Tod im Kindbett. Bekannt ist heute auch, das eine der Hauptursachen damals der Mangel an Hygiene war und die Tatsache, dass jeder Arzt meinte in der Frau rumwühlen zu müssen!

Alles im Namen der Wissenschaft

Sie schreiben von den vielen Schäden die an Frau und Kind entstehen. Am Beckenboden, am Damm, an den Kindern durch Zangen. Nach meinem Wissen, ist der Einsatz von Zangen unter der Geburt auf 4% gesunken. Heute nimmt man die weit schonendere und weniger gefährliche Variante der Saugglocke. Und Sie übersehen wohl die Tatsache oder all die Studien die für eine spontane Geburt sprechen. Zum Beispiel zum Bindungsverhalten oder neuerdings auch zum Zusammenhand von Kaiserschnitten und Autismus. Aber Sie sind ja Medizinerin und wissen, was für alle Frauen gut ist.

Sie schreiben über Schmerzen. Schmerzen seien ein Qualitätsmerkmal von Geburten?! Ernsthaft? Wenn sie sich das Video, von dem Sie im ersten Abschnitt ihres Artikels schreiben, mal angesehen hätten, hätten Sie bemerkt das es auch ohne Schmerzen geht. Die Frau bringt ihr Kind völlig friedlich zur Welt. Aber das passt in Ihre Weltanschauung nicht rein.

Schmerzen haben im Übrigen auch Frauen nach einem Kaiserschnitt. Sie können manchmal ihre Kinder gar nicht auf den Arm nehmen, weil sie solche Wundschmerzen haben. Ein Kaiserschnitt ist eine grosse Bauch-OP, die auch ihre Risiken hat. Schade, dass Sie darüber nicht schreiben.

Sozialen Druck machen Menschen wie Sie!

Sie schreiben über sozialen Druck, natürlich zu gebären. Ganz ehrlich, Frau Lenzen-Schulte, ich erlebe oft den Druck von anderer Seite und ich kenne viele Frauen die unter Druck gesetzt werden und wurden, einen Kaiserschnitt durchzuführen.

Hier zeigt sich spätestens ganz deutlich, wie einseitig ihre Berichterstattung ist. Sie wandern durch die Jahrhunderte nach hinten, bis ins dunkelste Mittelalter. So wird deutlich, wo sie stehen. Nur zu der Zeit, die Sie zuletzt als Nachweis für Ihre einseitige und masochistische Berichterstattung benutzen, wären Sie als Frau auch nichts wert gewesen und es hätte Ihnen niemand zugehört. Vielleicht hätte man Sie auch auf dem Scheiterhaufen verbrannt für Ihre ketzerischen Ansichten. Haben Sie das bei Ihrer Recherche bedacht?

Sie spielen mit Gefühlen von Frauen, von Familien und mit dem traditionellen Wissen einer Profession, der der Hebammen. Die es schon länger gibt als die Medizin. Sie spielen hier Menschen gegeneinander aus. Sie giessen Öl ins Feuer und Schüren die Bedenken der heutigen Frauen – egal ob spätgebärend oder übergewichtig, ängstlich oder mutig. Natürlich oder per Kaiserschnitt. Allein oder mit viel Unterstützung. Am Ende sind alle Mütter.

Ich finde das schlichtweg zum Kotzen.

Mika Kienberger

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